Was der Karfreitag für evangelische Christen bedeutet
Ostern ist zeitlich und inhaltlich ein gedrängtes Fest: von der tiefsten Tiefe zur höchsten Erhöhung innerhalb von nur drei Tagen. Das Glaubensbekenntnis bringt dieses komprimierte Geschehen auch sprachlich zum Ausdruck: „gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten“. Knapper geht es kaum.
Die österliche Dreitagefeier – das Triduum sacrum, wie es im Kirchenlatein heißt – ist das älteste und höchste Fest des Kirchenjahres in allen Kirchen. Das Kreuz steht für das Christentum.
Das Geschehen folgt einer inhaltlichen Logik. Am Gründonnerstag steht die Gemeinschaft Jesu mit seinen Anhängern im Mittelpunkt, am Karfreitag das Leiden und Sterben Jesu, in der Osternacht seine Auferstehung. Mit dem Gedenken an Leiden und Tod Jesu hat der Karfreitag eine zentrale Bedeutung für das Christentum. Darin sind sich alle christlichen Kirchen einig, gerade im Hinblick auf den Karfreitag lassen sich aber zwischen den Konfessionen gewisse Unterschiede in der Auslegung feststellen.
Liebe Leserin, lieber Leser! Ich muss um Ihr Verständnis bitten, denn jetzt wird es etwas kompliziert. Denn der Karfreitag stellt seit jeher für die Christen eine gewisse religiöse Herausforderung dar: denn Jesus hat nichts getan, was seine Todesstrafe rechtfertigen würde; Schuld an Jesu Tod tragen deshalb die Menschen, die ihn ans Kreuz gebracht haben; aber Jesus erträgt diese brutalste Form der Tötung aus freien Stücken. – Außerdem konfrontiert der Karfreitag die Menschen mit der Verletzlichkeit, Zerbrechlichkeit und Unverfügbarkeit des menschlichen Lebens.
Im Anschluss an den Apostel Paulus stellen die reformatorischen Kirchen in besonderer Weise mit ihrer Theologia crucis, der Theologie des Kreuzes, das Kreuz Christi in den Mittelpunkt und messen Lehre und Leben der Kirche daran. Von vielen Protestanten wird deshalb der Karfreitag als höchster Feiertag verstanden. Er spielt für die evangelische Spiritualität eine zentrale Rolle.
Bildhaft kommt dieses besondere evangelische Verständnis des Kreuzes bspw. in der Kirche St. Peter und Paul (auch Herderkirche genannt) in Weimar zum Ausdruck: Das Hauptbild des Altars, er stammt aus dem Jahr 1555 und wurde von Lucas Cranach d. J. geschaffen, zeigt allesdominierend den gekreuzigten Christus. Der Blutstrahl aus der Seitenwunde Jesu trifft dabei direkt Menschen der Gegenwart; im Konkreten handelt es sich dabei um Lucas Cranach d. Ä., den Vater des Künstlers. Das drückt aus: die rettende Kraft des Kreuzes kommt direkt allen Gläubigen zugute und nimmt sie hinein in das Ostergeschehen.

(Bild: Wikipeda)
Vieles ist aber auch zwischen katholisch und evangelisch gleich: Wie in der katholischen Kirche wird in evangelischer Tradition am Karfreitag um 15:00 Uhr, der überlieferten Todesstunde Jesu, Gottesdienst gefeiert. Der Altar ist schmucklos; die traditionelle Speise am Karfreitag ist Fisch, ein klassisches Fastenessen; in vielen Gottesdiensten schweigt die Orgel, wie auch die Glocken zumeist nicht geläutet werden; in Österreich ist allerdings der katholische Brauch, den Altar zu verhüllen bzw. Flügelaltäre zuzuklappen, nicht üblich. Unterschiedlich wird die Feier des Abendmahles gehandhabt.
Auch in der evangelischen Theologie steht jedoch nicht der (ungerechtfertigte und durch Jesu ertragene) Tod am Kreuz an sich im Mittelpunkt, sondern die Übernahme jener Schuld durch Jesus, die eigentlich den Menschen zukommt. Nach dem Neuen Testament hat Gott im Leiden und Sterben seines Sohnes die Welt erlöst: „Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat.“ (Joh 3,16). Somit ist Jesus „für uns gestorben“ (Röm 5,6). Gott teilt das Leid der Menschen bis in den Tod.
Martin Luther predigte am Ostersonntag 1530: „Am Karfreitag ist Christus in unsere Sünde getreten und gestorben. … wie Jesaja sagt: ‚All unsere Sünden sind auf ihn gelegt‘ [Jes 53,5].“
„In der evangelischen Interpretation des Karfreitags ist die Menschheit durch das Leiden und die damit verbundene Übernahme der menschlichen Schuld bereits grundsätzlich erlöst; auch wenn der konkrete Mensch selbstverständlich weiterhin schuldhaft handeln kann.“
Karl-Reinhart Trauner
Mit seiner freiwilligen Schuldübernahme am Karfreitag schafft Jesus die Voraussetzung für seine Auferstehung in der Osternacht. Damit sind die Grenzen der Welt gebrochen, der Weg zur göttlichen Erlösung ist geöffnet. „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist“, ruft Jesus am Kreuz (Lk 23,46). Das Leben steht in Gottes Hand, nicht mehr unter den Regeln der Welt. Die Auferstehung vollendet den Sinn des Karfreitags. Luther verwies 1530 auf Paulus: „Der Tod ist verschlungen im Sieg“ (1Kor 15,55); und er predigt: „Meine Sünde und mein Tod sind an seinem [Jesu] Hals gehangen am Karfreitag. Aber am Ostertag sind sie verschwunden und verschlungen.“ – Salopp ausgedrückt: Ohne Kreuzestod keine Auferstehung, ohne Karfreitag kein Ostern.
Martin Luther deutete deshalb die Bezeichnung Karfreitag als ‚guten Freitag‘; vom lateinischen carus, ‚lieb, teuer‘; in der Tradition Luthers wird im englischsprachigen Raum der Karfreitag Good Friday bezeichnet oder in den Niederlanden als goede vrijdag. Übrigens gegen das tatsächliche sprachliche Herkommen des Wortes, das vom althochdeutschen kara, ‚Klage, Kummer, Trauer‘ abstammt. Die katholische Kirche betont demgegenüber weniger die Freude über die grundsätzliche Erlösung als das Leid des Erlösers.
Von 1955 bis 2018 war der Karfreitag in Österreich für Angehörige der evangelischen, der altkatholischen und der evangelisch-methodistischen Kirche ein gesetzlicher Feiertag. Damit war auch der besonderen Geschichte der Evangelischen in Österreich Ausdruck verliehen worden: Über Jahrhunderte hinweg wurden sie unterdrückt, verfolgt, vertrieben. Auch Horn war im 16. und frühen 17. Jahrhundert eine evangelische Hochburg, die heutige katholische Pfarrkirche zum Hl. Georg wurde als evangelisches Gotteshaus gebaut.
2019 wurde die Karfreitags-Regelung abgeschafft. Aber alle Christen besuchen nach Möglichkeit den Gottesdienst am Karfreitag, die katholische Kirche hat sogar volkstümliche Bräuche entwickelt, wie die Ratschenbuben, die die nach Rom geflogenen Glocken ersetzen, die am Karfreitag (also am Trauertag der Christenheit) nicht geläutet werden; übrigens wie auch von vielen evangelischen Kirchen ebenso nicht.
Der Karfreitag ist in allen Kirchen ein kirchlicher Feiertag. Ein Leitartikel der Tageszeitung Die Presse von Thomas Kramar aus dem Jahr 2019 titelt deshalb sehr zutreffend: „Natürlich ist auch Katholiken der Karfreitag heilig“.

Der Autor:
DDr. Karl-Reinhart Trauner ist Historiker, Theologe und Leitender Militärgeistlicher der evangelischen Militärseelsorge in Österreich sowie Privatdozent an der Evangelisch-Theologischen Fakultät an der Universität Wien.
Zum Militärsuperintendenten wurde er 2013 bestellt.
Militärischer Rang: Generalmajor