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Vor 198 Jahren: Habakuk gerät unter Mordsversuchs-Verdacht

198 Jahre ist es heute, am 17. Oktober, her, dass Ferdinand Raimunds „Alpenkönig und Menschenfeind“ in der Leopoldstadt in Wien uraufgeführt wurde. Darin spielt die Zichorie eine nicht unbedeutende Rolle: Weil der Diener Habakuk auf Befehl seiner Herrin die Wurzel einer solchen ausstechen hätte sollen, begibt er sich mit einem großen Messer in den Garten. Als sein Herr mit dem bezeichnenden Namen Rappelkopf das Messer sieht, bricht er in Panik aus und glaubt an ein Mordkomplott.

Damit bekam diese Pflanze, die damals vielfältig verwendet wurde, noch größere Bekanntheit.

Zichorie = Wegwarte

Die Wurzel einer Zichorie (= Wegwarte) (Alle Bilder: © Josef Pfleger)

Eigentlich ging es um eine solche Wurzel wie im Bild oben.

Alle Teile der Zichorie, besser als Wegwarte (Cichorium intybus L.) aus der Familie der Korbblütler bekannt, sind genießbar. Ihre Blätter werden auch heute noch für die Zubereitung von Salaten, Spinat, Gemüsegerichten, Suppen und Saucen verwendet – allerdings nur bis zur Blüte, dann werden diese nämlich bitter.
Auch als Heilpflanze fand die Wegwarte Anwendung: Als Heiltee, als Appetit- und Verdauungsanreger sowie bei Magen-, Darm- und Leberbeschwerden.

Ihre gezüchteten Verwandten sind Chicorée, Zuckerhut, Radicchio und Endivie.

Sehr oft wurde in Zeiten der Armut die Wurzel zur Herstellung von Zichorienkaffee („Blümchenkaffee“, „Muckefuck“) verwendet, den Raimund allerdings nicht geliebt haben dürfte. Er lässt nämlich Rappelkof sagen: „Weil mir der Kaffee einfällt, den ich im letzten Wirtshaus getrunken hab. Der war auch mit Zichorien vergiftet.“

Die Wegwarte blüht bis in den Oktober hinein und verleiht dem Herbst wunderschöne blaue Tupfer.

Dieser Tatsache dürfte sie auch ihren Einzug in die Lyrik verdanken.

Der bekannte Heidedichter Hermann Löns widmete der Pflanze in seinem Band Der kleine Rosengarten ein melancholisches Gedicht, das die Blume im Straßenstaub beschreibt:

Wegewarte
Es steht eine Blume,
Wo der Wind weht den Staub,
Blau ist ihre Blüte,
Aber grau ist ihr Laub.

Ich stand an dem Wege,
Hielt auf meine Hand,
Du hast deine Augen
Von mir abgewandt.

Jetzt stehst du am Wege,
Da wehet der Wind,
Deine Augen, die blauen,
Vom Staub sind sie blind.

Da stehst du und wartest,
Daß ich komme daher,
Wegewarte, Wegewarte,
Du blühst ja nicht mehr.

Isolde Kurz schrieb ein spätrealistisches Gedicht über ein Mädchen im blauen Kleid, das am Wegesrand vergeblich auf das Glück wartet, und schließlich symbolisch mit der Erde verwächst.

Die Wegwarte
Mit nackten Füßchen am Wegesrand,
Die Augen still ins Weite gewandt,
Saht ihr bei Ginster und Heide
Das Mädchen im blauen Kleide?

Der Weg wird stille, der Weg wird leer.
So kommt denn heute das Glück nicht mehr?
Die Sonne geht rötlich nieder,
Ihr starren im Wind die Glieder.

– Das Glück kommt nicht in mein armes Haus,
drum stell’ ich mich hier an den Weg heraus;
und kommt es zu Pferde, zu Fuße,
ich tret’ ihm entgegen mit Gruße.

Es ziehen der Wanderer mancherlei
zu Pferd, zu Fuß, zu Wagen vorbei.
– Habt ihr das Glück nicht gesehen?
Die lassen sie lachend stehen.

Der Regen klatscht ihr ins Angesicht,
Sie steht noch immer, sie merkt es nicht:
– Vielleicht ist es schon gekommen,
– Hat die andere Strasse genommen

Die Füßchen wurzeln am Boden ein
Zur Blume wurde der Augen Schein.
Sie fühlt’s und fühlt’s wie im Traume,
Sie wartet am Wegessaume.

Die Wegwarte war einst nicht aus dem Alltagsleben wegzudenken, heute fristet sie ein eher bescheidenes Dasein an Wegrändern. Wahrscheinlich auch, weil kaum noch jemand „Blümchenkaffee“ trinkt …

JKP

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